Kapitel 1
Geschrieben von SilentVokativiusos – Vielen Dank!
“Es ist verdammt schwer, ein Geburtstagsgeschenk für sie zu finden…“
Serah seufzte.
Sie standen vor dem Schreibwarengeschäft. Als Snow in ihr Gesicht sah, dachte er darüber nach, wie ernst sie aussah… genau wie Lightning, die er vor ein paar Tagen kennengelernt hatte.
Die beiden waren wirklich Schwestern.
Antike Bücherstützen und Stifthalter aus Leder schmückten das Schaufenster.
Serah sah sich die Sachen im Schaufenster eine Weile sehr genau an, doch dann schüttelte sie den Kopf:
“Das ist auch nicht das richtige…“
Noch zwei Tage waren es bis zu Lightnings Geburtstag. Snow und Serah waren ins Einkaufszentrum gegangen, um ein Geschenk für sie auszusuchen. Doch eine gute Stunde war Serah nun an den Geschäften vorbeigegangen und sagte, dass nichts “das Richtige” wäre.
“Ist es wirklich so schwer?“
“Ja. Jedes Jahr suche ich eine lange Zeit, aber ich finde nie das richtige Geschenk.“
“Wieso fragst du sie nicht einfach?“
“Das geht nicht. Ich hab’ sie gefragt und rate mal, was sie mir gesagt hat.“
“Egal was du aussuchst, es wird sicher etwas Schönes?“
Snow riet einfach, doch Serahs Augen weiteten sich.
“Wow. Woher weißt du das?“
“Es klingt wie etwas, was sie sagen würde. Du weißt schon, wie etwas, was Eltern zu ihren Kindern sagen.“
“Ja…sie war schon irgendwie immer wie eine Mutter für mich.“
Serah begann leicht zu lächeln, stoppte aber plötzlich.
“Und man sollte nichts vor seinen Eltern verheimlichen…“
Serahs Augen fielen auf den Verband, der um ihren linken Arm gebunden war.
Sie hatte Lightning noch nicht gesagt, was sich darunter verbarg. Snow wusste es schon: Ein Symbol aus Pulse.
Sie war ins Residuum gegangen und wurde zu einer Pulse-L’Cie.
Sie war ein Feind Cocoons. Deshalb hatte sie ihm gesagt, dass sie sich trennen mussten. Aber er hatte ihr versprochen, dass er ihr auf der Suche nach ihrer Bestimmung helfen würde.
Sie würden sie zusammen finden – und zusammen erfüllen. Was danach war… wusste er nicht.
Er hatte die Gäste im Cafe gefragt, ob irgendjemand etwas über Pulse oder L’Cie wusste, aber er hatte kein Glück.
Das einzige, was die Leute darüber gehört hatten, waren Märchen aus ihrer Kindheit oder Texte aus Schulbüchern.
Dennoch gab er nicht auf. Er fragte Freunde von Freunden, ob sie etwas wüssten. Nichts. Schlimmer als nichts eigentlich. Einer der Kerle wollte ihm einige merkwürdig aussehende Dinge andrehen.
Er dachte auch darüber nach, selbst direkt zu diesem Fal’Cie zu gehen und ihn zu fragen. Aber Serah war strikt gegen die Idee.
“Du weißt nicht, was passiert, wenn du den Fal’Cie erzürnst!“, hatte sie gesagt.
Er könnte auch dich zum L’Cie machen, oder noch etwas schlimmeres! Wer weiß, was mit den Leuten in Bodhum geschieht…”
Also ließ er davon ab. Wenn er ihn einfach nur zu einem L’Cie machen würde, wäre das kein Problem für ihn. Aber er konnte nicht zulassen, dass wegen ihm den Leuten aus Bodhum etwas geschah. Und trotzdem konnte er Serah nicht einfach dem Zorn des Fal’Cie überlassen.
Und so endete er da, wo er war, mit genauso vielen Informationen wie zu Beginn.
Er wusste nicht, wie er weitermachen sollte, aber er wusste, dass es irgendwie klappen würde. Er würde dafür sorgen, dass es klappte.
Noch hatte er nicht jede Person auf Cocoon gefragt. Bis es soweit war…
Snow legte eine Hand über den Verband und hielt sie mit der anderen.
“Alles ist gut. In zwei Tagen musst du nichts mehr verheimlichen.“
Sie hatten beschlossen, es Lightning an ihrem Geburtstag zu erzählen. Snow hatte ihr gesagt, dass es wesentlich einfacher wäre, dann mit ihr zu reden, zumal er dabei war. Serah hatte ihn angelächelt, als er ihr das versichert hatte.
Trotzdem schien sie immer noch besorgt darüber, ob sie mit ihrer Schwester würde darüber reden können oder nicht.
Von Zeit zu Zeit sah er zu ihr herüber und sah, wenn auch nur für einen kurzen Moment, den traurigen Ausdruck in ihrem Gesicht. Wie jetzt.
“Hey, sieh dir das an! Wäre das nicht toll?“
Er zeigte auf ein Spielzeuggeschäft, versuchte, sie zum Lachen zu bringen. Im Schaufenster war ein großer Carbuncle-Plüsch zu erkennen. Es war grün, mit langen Ohren und einem langen Schweif und trug ein Hofnarrenkostüm.
Eine Esper aus Märchen, er sollte süß und albern aussehen. Nichts konnte besser zu Lightning passen als das.
Sicherlich würde Serah auch darüber lachen…
“Du hast recht. Das wäre toll!“
“Was?“
Serah rannte in Richtung des Geschäfts.
“Öhm, irgendwie glaube ich nicht, dass…“
Sie war sich sicherlich darüber im Klaren, dass das nicht sein Ernst gewesen war. Oder mochte Lightning wirklich solche Sachen?
“Nur ein Scherz…“
Serah lachte. Sie drehte sich um und streckte ihm die Zunge heraus.
Er musste einen baffen Ausdruck auf seinem Gesicht gehabt haben, denn Serah brach in lautes Gelächter aus. Auch er lächelte ein wenig verlegen.
Jetzt hat sie mich, dachte er.
Für einen Moment hatte er sich Lightning im Schlaf vorgestellt, mit einem Carbuncle-Stofftier unter ihrem Arm.
Lachend gingen sie weiter. Snow war froh, dass er sie zumindest wieder zum Lachen gebracht hatte. Er wollte nicht, dass sie traurig war, nicht für eine Sekunde.
“.. nke.“, flüsterte sie.
“Hm? Hast du was gesagt?“
“Nein, nein. Hey, lass uns mal da drüben nachsehen!“
Sie zog an seinem Arm. Er konnte sie nichtmehr fragen, was sie gesagt hatte, aber er brauchte es auch nicht. Ihre Stimme war so leise, dass er sie kaum verstanden hatte, aber er wusste, dass sie “Danke” gesagt hatte.
Er entschied, so zu tun, als ob er es nicht verstanden hätte. Sie zu fragen würde sie nur an die Realität erinnern, die sie erwartete.
Snow wollte, dass sie das einfach alles vergaß und lächelte.
“Vielleicht sollten wir ihr statt einem Carbuncle eine Leviathan-Puppe kaufen.“
“Denkst du immer noch darüber nach?“
“Naja, ich dachte einfach, dass ein Leviathan besser zu ihr passen würde.“
“Sie verkaufen nicht mal welche. Komm schon, Snow!“
Serah lachte über die Idee, hielt dann aber inne und Aufregung trat in ihr Gesicht.
“Ich habs!“, rief sie.
“Ich sollte ihr einen Glücksbringer kaufen! Ich meine, sie ist Soldatin, oder? Ich wette, sie muss eine Menge gefährliche Dinge machen.“
“Nun sie ist die stürmische Führerin der Schutzgarde in Bodhum.“
“Sie ist was?“
“So hat ihr Vorgesetzter sie genannt.“
“Das hört sich nach ihr an…“
Serah lächelte.
“Lass mal sehen…ein Glücksbringer sollte etwas sein, dass man… immer bei sich tragen kann.
Das wäre doch gut, meinst du nicht?“
Snow erkannte das Schild eines Accessoire-Geschäfts. Perfektes Timing.
“Wieso sehen wir nicht danach?“
“Ich weiß nicht. Sie hat sich noch nie für sowas interessiert.“
Sie drehte ihren Kopf zur Seite. Sie lächelte, dachte über etwas nach.
“Oh, das ist das gleiche Geschäft wie beim letzten Mal. Vielleicht haben sie ja das perfekte Geschenk für Lightning.“
Serah wies auf ihre Ohrringe, die die Form einer Wildkatze hatten. Snow trug eine Halskette mit der gleichen Form. Es war ein Geschenk von ihr an ihn. Weil sie wie eine Norakatze – eine wilde Katze – waren. Sein Team hieß NORA.
Wenn das hier das Geschäft war, würden sie hier sicher finden, was sie suchten. Ein Geschenk für Lighting…und etwas anderes.
“Hmm. Irgendetwas ist komisch hier.“
Serah sah sich im Geschäft um, nachdem sie hineingegangen waren.
“Was denn?“
“Es ist so, als ob mehr Leute hier sind als vorher. Und sogar mehr verschiedene Sorten von Menschen.“
Es war Snows erster Besuch in diesem Geschäft, also konnte er es nicht beurteilen. Serah hatte ihm erzählt, dass hier nur junge Frauen eingekauft hatten, als sie das erste Mal hier war. Nun waren hier ältere Leute, Paare mit Kindern und alle möglichen Arten von Menschen.
Snow war beruhigt. Er hätte es nicht lange in einem Geschäft, in dem nur junge Frauen waren, ausgehalten.
“Nun, das ist doch was Gutes, oder?“
“Bestimmt. Wir werden ein Geschenk für Lightning finden, oder?“
“Natürlich“, erwiderte Snow entschlossen.
Seine Augen wanderten zu einer Ecke, in der Ringe auf einem Tisch aufgestellt wurden.
Morgen war das Feuerwerk-Festival, das mit den Feuerwerken, die einem Wünsche erfüllen konnten.
Es war der Tag, an dem er um Serahs Hand anhalten wollte.
Natürlich brauchte er dafür einen Ring und das hier war das Geschäft, in dem Serah den Katzenschmuck gekauft hatte.
Das hieß, dass hier etwas Gutes zu finden sein musste, zumindest ging er davon aus.
Er schaute nach den Ringen, die in einer Glasvitrine lagen und verglich die Größe mit Serahs kleinen Fingern.
Sie würden wunderbar daran aussehen. Aber dann schaute er sich seine eigenen Hände an…
“Das passt niemals!“, rief er, ohne es zu bemerken.
Serah sah ihn schräg an.
“Alles in Ordnung?“
“Äh, ja, mir geht’s gut.“
Snow schaute zurück in die Glasvitrine. Nicht mal der größte von diesen Ringen würde an seine Finger passen. Seine Finger waren mindestens zwei oder drei Nummern zu groß. Das würde niemals passen. Nicht zu erwähnen, dass solche schicken Ringe schnell zerbrechen würde, wenn er ein paar Monster mit der Faust bearbeitete.
Wie peinlich wäre es, seinen Ehering zu zerbrechen?
“Ein Ring ist wohl eine schlechte Idee… es sollte kein Ring sein.“
“Stimmt, es wäre ein wenig verrückt, wenn sie einen tragen würde“, sagte Serah.
Er wollte es nicht laut sagen, aber anscheinend hatte er es wieder getan.
“Wenn sie irgendwelche Arbeiten hat, bei denen sie sich die Hände schmutzig machen muss, muss sie ihn abnehmen. Es ist kein gutes Geschenk, wenn es sie bei ihrer Arbeit stört.“
“Ah…ja…richtig!“
Er war noch nie so verärgert über sein großes Mundwerk.
Sag nichts, was sie neugierig macht!, sagte Snow zu sich selbst und sah zur nächsten Glasvitrine.
Selbst wenn ich einen davon trage könnte, dachte er, diesmal leise.
Der Tisch war voller Armbänder. Die meisten davon sahen so aus, als könnte man die Größe ändern und es gab sie in vielen verschiedenen Arten.
Es gab welche mit Laubmustern, manche mit Steinen darauf und sogar welche, die aussahen wie Handschellen.
Die mit den Geburtssteinen darauf wären sicherlich gut, dachte er.
Wenn man sie ein wenig weitet, könnten sie sogar mir passen.
Aber gerade, als er die Entscheidung gefällt hatte…
“Oh, das wäre perfekt für meine Mary-Puh.“
Die Frau streckte ihre Hand aus und nahm das Armband, auf das Snow sein Auge geworfen hatte.
“Äh…“
Mary-Puh? Deshalb waren alte Frauen so nervig. Er sah zur Frau neben ihm.
“Sieh mal, wie süß das an ihr aussieht!“
Die Frau war mittleren Alters und hielt einen kleinen Hund auf ihrem Arm. Das musste “Mary-Puh” sein, eine von diesen beliebten Schoßhund-Züchtungen.
Um seinen Nacken hing das große Armband.
“Sie benutzt es als Halsband…“
“Oh! Ist der nicht süß?“
Snow sah herunter und sah, dass Serah neben ihm stand. Sie streichelte “Mary-Puh” auf dem Kopf.
Der Stein auf dem Armband funkelte im Licht, als der Hund wütend mit dem Schwanz wedelte.
“Okay, das fällt dann auch raus.“
“Ja… Lightning muss schon irgendwas um ihr Handgelenk tragen. Irgendeine Maschine. Aber auch nicht immer. Ich glaube, es hängt vom Job ab.“
“Dann lass uns nach was anderem suchen…“
Sie redeten über komplett unterschiedliche Dinge, aber er wollte ihr das nun nicht vorhalten. Sie bewegten sich zum nächsten Tisch.
“Hmm…Ohrringe?“
Aber Serah hatte schon ihre Katzenohrringe. Wenn er ihr neue schenkte, würde sie die nichtmehr tragen können.
“Und sie hat ja auch keine vier Ohren…“
“Hmm? Vier was?“
“Nichts, Nichts“, sagte er schnell und winkte mit den Händen ab.
Er hatte schon wieder aus Versehen laut gesprochen.
“Moment mal, es wären vier.“
Wenn man Serah und ihn zusammennahm, gab das vier Ohren. Also brauchte er sie nur kaufen und zwischen beiden aufteilen.
“Snow? Geht es dir gut? Du benimmst dich komisch…“
“Oh…wirklich?” Ups. Er war gerade dabei, ihr zu sagen, dass sie nicht weiter darüber nachdenken sollte und ihm lieber bei der Auswahl behilflich sein sollte, als eine Stimme seine Aufmerksamkeit erregte.
“Heeey! Sieh dir das herzförmige an!“
Die Person, die den Satz gesagt hatte, schien nicht sehr fröhlich. Snow wusste, dass er sich nicht umdrehen und nachsehen sollte, aber er konnte nicht anders.
“Oh, Meemee, sei nicht so dumm!“
Es war ein junges Paar, dem es offensichtlich egal war, wie lächerlich sie sich machten.
Davon abgesehen, dass der Laden gut gefüllt war, war der Platz um die beiden herum leer. Sie waren so eng ineinander verschlungen, dass es physikalisch eigentlich gar nicht mehr möglich war, dass sie noch stehen konnten.
Es gab doch sicherlich eine Grenze, wie weit Leute aneinander stehen konnten, oder? Brachen sie nicht gerade die Gesetze der Physik?
Dann schaute Snow genauer auf ihre Ohren. Sie trugen beide zwei Hälften des gleichen Ohrrings.
Snow sah sich im Geschäft um und sah noch ein Paar mit den gleichen Ohrringen.
Sogar das Paar mit den Kindern trug welche, die zueinander passten.
Offensichtlich war das beliebt.
“Dann kann ich das wohl vergessen…“
Snow hatte noch nie Sachen gemocht, die beliebt waren. Er hasste es einfach, das gleiche zu tun wie jeder andere.
Das war kein einfaches Geschenk, das er ihr geben wollte, es war für seinen Heiratsantrag. Er konnte ihr nicht einfach irgendwas Herkömmliches schenken.
“Sollen wir in ein anderes Geschäft gehen?“
“Ja, ich glaube nicht, dass ich hier irgendwas für Lightning finde.“
“Sie ist die stürmische Führerin…“
“Das stimmt“, erwiderte Serah lachend.
“Aber du hast recht, es ist verdammt schwer, was für sie zu finden.“
Snow hatte gedacht, dass es einfach wäre. Er hatte gedacht, es wäre kein Problem, irgendetwas zu finden, dass seine Gefühle für sie ausdrückte.
“Entschuldige, dass ich dich mit mir schleife…“
“Nein, das meinte ich nicht. Ich versuche nur, jemandem zu zeigen, wie ich fühle, weißt du? Aber nichts scheint gut genug. Nichts scheint richtig dafür zu sein.“
Es schien, als würde er nichts finden, das gut genug wäre, solange er ihr nicht ganz Cocoon schenken konnte.
“Ja, deswegen weiß ich nie, was ich ihr schenken soll. Ich hab immer das Gefühl, dass es etwas Besseres gibt.“
Doch Serah lächelte.
“Aber weißt du was? Wenn du siehst, wie glücklich sie mit deinem Geschenk sind, dann verschwinden all diese Sorgen.“
“Ich verstehe…“
“Es ist wahr. Warte mal, Snow? Was war das mit deinen Gefühlen?“
“Ah, nichts. Wirklich nichts. Okay, lass uns woanders suchen.“
Jetzt hatte er es wieder verbockt. Wie viele Male musste er sie noch ablenken? Er verlor allmählich das Vertrauen in sich selbst.
Sie verließen das Geschäft.”
“Naja, es gibt ja nicht nur dieses eine Geschäft.“
Es gibt andere Accessoire-Läden, dachte Snow.
Dann drehte er sich um und sah ein Paar von Halsketten im Schaufenster. Das Geschäft war so überfüllt, als sie es betreten hatten, dass er sie gar nicht gesehen hatte.
“Entschuldige mich kurz, gehst du schon mal vor?“
“Was ist los?“
“Toilette…“
Serah lachte und winkte ihm nach, als sie sich in Bewegung setzte.
“Entschuldigung? Ich würde gerne einen Blick auf die Halsketten im Schaufenster werfen…“, rief Snow zu einer der Verkäuferinnen.
Er erschrak, als er bemerkte, dass er die Person kannte.
“Sonja?!“
“Snow! Das man dich auch nochmal sieht.“
Sonja war in der gleichen Stadt aufgewachsen wie er. Sie war drei Jahre älter und wie eine Schwester für ihn. Eine gruselige Schwester.
“Wie lang ist es her?“
“Seit wir Kinder waren…“
Sie lächelte.
Sie zeigte einer anderen Verkäuferin mit ihren Gesten, dass sie die Halsketten aus dem Fenster nehmen sollte.
Es sah so aus, als ob sie sich gar nicht verändert hätte.
“Jawohl, gnädige Frau.“, sagte die Verkäuferin zu ihr und verbeugte sich. Snow war überrascht. Offensichtlich tat sie hier nicht einfach so, als wäre sie der Chef, sondern hatte tatsächlich das Sagen.
“Sonja, bist du die Besitzerin dieses Ladens?“
“Nun ja, seid noch nicht mal einem Monat. Das hier war schon immer ein beliebter Laden und es ist stressig, den Laden zu führen.“
Deshalb musste der Laden so plötzlich bekannt geworden sein. Es war alles wegen Sonjas Arbeit.
“Was hast du gemacht, bevor du hierhergekommen bist?“
“Hab in der Hauptfiliale in Palumpolum gearbeitet, seit meinem Abgang.“
Sie hatte nicht mal im gleichen Ort wie er gewohnt, bis sie auf ein Internat kam.
In Cocoon konnte man auf jede Schule, auf die man wollte, solange man den Wunsch und den Fleiß dafür besaß.
Das Sanktum bezahlte die Studiengebühren, somit war dies auch für Waisenkinder und Kinder mit nur einem Elternteil kein Problem.
Die Fal’Cie und das Sanktum sorgten für die Sicherheit in Cocoon. Solange man nicht gegen die Gesetze verstieß, konnte man leben, wie man wollte.
Aber Snow hatte immer das Gefühl, das mit diesem Lebensstil etwas verkehrt war.
Es passte ihm nicht wirklich. Es war, weil er, obwohl er so viel vom Sanktum nehmen konnte, wie er wollte, so wenig wie möglich nahm.
Also jagten sie Monster. Sie nahmen ihr Leben selbst in die Hand, so wie sie es für richtig hielten. Alles tun konnten sie natürlich aber auch nicht.
“Snow, sag mir nicht du hast keinen Job? Liegst du einfach nur rum und tust nichts?“
“Nein, so ist das nicht…“
“Snow! Du bist jetzt erwachsen, du kannst nicht für immer nichts tun!“
“Aber so ist es nicht…“
Ihre fehlenden Zuhör-Fähigkeiten hatten sich nicht verbessert, wie es schien.
Sie hatte sich immer so verhalten, als wäre sie jedermanns Mutter.
“Das Mädchen, das bei dir war, ist deine Freundin, oder?“
“Ja…“
“Nun, zumindest ihr zuliebe solltest du einen Job suchen und etwas aus dir machen! Du willst sie doch nicht zum Weinen bringen, oder?“
“Ich würde sie niemals zum Weinen bringen! Ich mache Serah zur glücklichsten Frau auf Cocoon!“
Jeder um ihn herum sah ihn erstaunt an und er bemerkte jetzt, dass er geschrien hatte.
Sogar die Verkäuferin, die die Halsketten herbeiholte, sah eingeschüchtert aus.
“Du hast dich kein bisschen verändert.“
“Gleiches gilt für dich, Sonja.“
“Aber nicht so wie für dich.“
Sie lachte, als sie die Halsketten nahm. Eine kleine Skulptur von Cocoon aus Metall, zusammen mit einem Ring, der von einer Kette hing.
Er mochte es, seit er es gesehen hatte. Er hatte gemeint, er konnte Serah nichts geben, dass seine Liebe ausdrückte, solange er ihr nicht ganz Cocoon geben konnte.
Nein, nicht mal ganz Cocoon wäre genug. Also gab er ihr zwei Cocoons, eins für jeden von ihnen…
“Ist das nicht nett? Ich bin mit der Person, die es gemacht hat, befreundet. Sagt es nicht einfach “glücklichstes Paar auf Cocoon” ?”
“Das glücklichste Paar auf Cocoon…? Ja…“
Nichts wäre besser als das. Er würde sie zur glücklichsten Braut auf ganz Cocoon machen.
“Warte einen Moment, ich pack sie dir derweil ein.“
“Nein, nein. Schon gut, ich will Serah nicht noch länger warten lassen.“
Nachdem er bezahlt hatte, verließ er das Geschäft und hielt die Halsketten in seiner Hand.
“Hey, Snow!“
Er stürmte hastig aus dem Geschäft. Er war so froh, mit einer alten Freundin reden zu können, dass er länger mit ihr im Gespräch war, als er vorhatte. Wenn er mehr Zeit brauchte, als er für einen Besuch des stillen Örtchens gebraucht hätte, würde Serah nach ihm suchen.
Das konnte er nicht zulassen.
Er sah sich um, aber keine Serah weit und breit. Irgendwie hatte er es geschafft, dass sie ihn nicht sah, als er aus dem Geschäft herauskam.
Moment, er hatte noch immer die Halsketten in der Hand. Er stopfte sie in seine Tasche.
“Die glücklichste auf Cocoon…okay!“
Er ballte seine Hände zu Fäusten und nickte. Morgen würde er Serah fragen, ob sie ihn heiraten wollte, dann seinen Wunsch bei den Feuerwerken dazu nutzen, um für ihr Glück zu beten.
Serah wusste nicht, was ihre Bestimmung war und ihre Zeit war knapp.
Wenn er daran dachte, fühlte es sich an, als würde er von einer Klippe auf einen stürmischen Ozean herunterblicken.
Dann fühlte er sich, als gäbe es keinen Ort, an den sie fliehen konnten.
Aber er konnte nicht so denken, ihr zuliebe. Es würde sie nur besorgt machen. Also entschied er, zu glauben, dass sie eine strahlende Zukunft erwartete.
Die Klippe mochte steil sein, aber der Ozean dahinter war klar und wunderschön.
“Snow!“, hörte er hinter sich.
Als er sich umdrehte, sah er Serah auf ihn zukommen, sie winkte ihn zu sich.
“Ich hab ein Geschenk gefunden!“, rief sie.
“Du hast nach einem Glücksbringer gesucht, oder?“
“Ja. Irgendetwas, dass sie mit sich tragen kann, etwas, dass sie mit sich tragen will.“
Sie standen vor einem Geschäft, dass Klingen verkauft. Serah grinste und zeigte auf etwas in dem Fenster.
“Das?“
Ein Messer. Es war nicht verziert und sah lediglich zweckmäßig aus. Nicht wie etwas, dass man als Geburtstagsgeschenk verschenkte.
“…wieso?“
“Naja, ich dachte, wenn ich ihr schon einen Glücksbringer besorgen, wäre ein Messer perfekt. Man sagt, eine Klinge kann alles Böse zerschneiden.“
“Alles Böse zerschneiden…?“
Er hatte von Schwertern gehört, aber das hier war ein Überlebensmesser. Das war etwas leicht anderes.
“Und ich habe in einem Buch gelesen, dass eine Person nur mit einem Messer eine Menge Dinge überleben kann.“
Ihr Ton war ernst. Ihre Augen hatten einen verträumten Ausdruck.
“Wegen ihrer Arbeit, muss sie an viele verschiedene Orte reisen. Mit so einem Beruf weißt du nie, was passieren wird. Ich will, dass sie alles überstehen kann, was auch immer da draußen wartet…und sicher nach Hause zurückkommt.“
“Also willst du ihr das Messer schenken?“
“Ist das verrückt?“
“Nein, es ist nicht verrückt.“
Zu überleben, was auch immer passiert. Das war etwas, was er sich für sie beide wünschen konnte.
“Also los! Lass es uns kaufen!“
Serah nickte und lächelte. Snow legte seine Arme um ihre zierlichen Schultern und öffnete die Tür des Ladens.
Part VI: Gegenwart ENDE















